Vorbereitung auf den Tod

von Khalid Baig

Angenommen du erfährst heute, dass du nur noch einen Tag zu leben hast; du wirst morgen sterben. Wie wirst du deinen letzten Tag verbringen?

Diese Interview-Frage wurde lange vor dem Zeitalter der Massenmedien gestellt. Der Interviewer trat an prominente Gelehrte heran und an Personen, die bekannt waren für ihr tugendhaftes Leben, mit der Idee, die Antworten in einem Buch zu sammeln.
Solch ein Buch würde den Lesern Inspiration für die wichtigsten Tugenden bieten.

Doch die inspirierendste Antwort kam von der Person, die keine Wunschliste mit rechtschaffenen Taten aufgestellt hatte. Es war der großartige Muhaddith Abdur Rahman ibn Abi Na’um, und er antwortete: „Es gibt nichts was ich in meinem Tagesablauf ändern könnte, wenn ich erfahren würde, dass es mein letzter Tag ist. Ich verbringe bereits jeden Tag meines Lebens so, als ob es mein letzter wäre.“

Tod ist der sicherste Aspekt des Lebens. Laut den letzten Statistiken sterben auf der Welt 6.178 Menschen pro Stunde. Dies sind Menschen aus allen Altersklassen, die durch alle möglichen Ursachen sterben. Einige dieser Todesfälle werden Schlagzeilen machen. Die große Mehrheit wird unauffällig sterben. Dennoch wird jeder in sein Grab auf die gleiche Weise eintreten. Allein. Zu der von Gott bestimmten Zeit. Wissenschaft und Technologie können den Tod weder verhindern noch voraussagen. Es ist allein in den Händen des Schöpfers.

O ihr Menschen, wenn ihr über die Auferstehung im Zweifel seid, so (bedenkt,) dass Wir euch aus Erde erschaffen haben, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Blutklumpen, dann aus einem Klumpen Fleisch, teils geformt und teils ungeformt, auf dass Wir es euch deutlich machen. Und Wir lassen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in den Mutterschößen ruhen, was Wir wollen; dann bringen Wir euch als Kinder hervor; dann (lassen Wir euch groß werden,) auf dass ihr eure Vollkraft erreicht. Und mancher von euch wird abberufen, und mancher von euch wird zu einem hinfälligen Greisenalter geführt, so dass er, nachdem er gewusst hatte, nichts mehr weiß. [22:5]

Wir sehen es die ganze Zeit geschehen. Und doch ist es erstaunlich, wie wir glauben, dass dies mit uns nicht geschehen wird. Zumindest nicht in naher Zukunft. Wir begraben unsere eigenen Freunde und Verwandten, aber denken, dass wir ewig leben werden. Unsere Einstellung zum Tod widersetzt sich aller Logik. Auf eine Weise nehmen wir den Tod wahr und planen sogar dafür. Wir schließen Lebensversicherungen ab. Wir planen den Nachlass. Unternehmen und Regierungen haben Eventualitätspläne, um ihre Tätigkeiten auszuführen, im Falle eines plötzlichen Todes ihres Leiters.
Aber dies ist die Wahrnehmung des Todes als Endpunkt des Lebens. Wir scheitern daran, den Tod als den Anfang eines anderen Lebens, das nie enden wird, und wo wir ernten werden was wir hier säen, wahrzunehmen.

arabicartEine zentrale Lehre des Islam besteht darin, dass die Erkennung davon und die Vorbereitung für diese Ewigkeit, das ist, was den Klugen von den anderen trennt. Wie der Prophet sallallahu alayhi wa sallam sagte: „Klug ist, wer sich in der Gewalt hat und auf das hinarbeitet, was nach dem Tode sein wird.“ (at-Tirmidhi)

Es gibt eine bewegende Geschichte über Bahlul, der, in seiner Ahnungslosigkeit auf dem entgegengesetzten Ende der weltlichen Intelligenzskala zu sein scheint. Der Kalif Harun ar-Rashid hatte ihm wahrscheinlich deshalb Zugang zu seinem Hof gewährt, weil seine Naivität eine Unterhaltungsquelle für ihn war.
Einmal gab der Kalif ihm einen Gehstock, und sagte: „Das ist für die dümmste Person der Welt bestimmt. Wenn du jemanden findest, der ihn mehr verdient als du selbst, dann gib ihn weiter.“
Einige Jahre später wurde Harun ar-Rashid ernsthaft krank, und keine ärztliche Behandlung schien zu wirken. Bahlul besuchte ihn und erkundigte sich nach seinem Zustand.
Die Unterhaltung verlief ungefähr so:

Harun: „Keine Behandlung wirkt. Ich sehe meine letzte Reise vor mir.“
Bahlul: „Wohin gehst du?“
Harun: „Ich gehe in die andere Welt.“
Bahlul: „Wie lange wirst du dort bleiben? Wann wirst du zurückkommen?“
Harun: „Keiner kommt jemals von dieser Welt zurück.“
Bahlul: „Dann musst du wohl besondere Vorbereitungen für diese Reise gemacht haben. Hast du eine Gruppe vorausgeschickt, die sich um dich kümmern wird, wenn du dort ankommst?“
Harun: „Bahlul, man muss dort allein hingehen. Und nein, ich habe keine Vorkehrungen getroffen.“
Bahlul: „Amir ul-Mu’minin, du pflegtest Truppen zu entsenden, damit sie umfassende Vorbereitungen für dich machen, sogar für kurze Reisen, von nur ein paar Tagen. Jetzt gehst du zu einem Ort wo du für immer leben wirst, aber du hast keine Vorkehrungen getroffen. Ich glaube, ich habe die Person gefunden, die den Stock, den du mir vor einigen Jahren gegeben hast, mehr verdient als ich.“

Diese Geschichte spricht uns alle an. Wir sind keine Könige, aber wir planen sogar unsere kurzen Reisen sehr vorsichtig. Wie sieht es mit der Vorbereitung für die Reise in die Ewigkeit aus? Wie sieht es damit aus, die Sorge um das Jenseits zum Eckstein unseres Lebens zu machen?

Eigentlich, kann diese Sorge unser Leben hier auch ändern. Diese Welt ist eine trügerische Wohnstätte. Hier werden wir nicht bestraft, in dem Moment wo wir eine Sünde begehen. Dies täuscht uns, indem wir denken, dass wir ungestraft davonkommen werden. Das Gedenken an den Tod ist das Gegenmittel für diese Täuschung. Eine Person, die sich daran erinnert, dass sie vor ihrem Schöpfer stehen wird, und für seine Handlungen verantwortlich gemacht wird, kann sich Gott nicht widersetzen!

Von der Geschichte des Pharaos lernen wir, dass er, als er den Tod herannahen sah, seinen Glauben an den Gott von Moses deklarierte. Davor wurde er durch seine scheinbare Macht getäuscht. Seine Reue kam zu spät, aber es zeigte wie seine Arroganz und Uneinsichtigkeit verdampfte, als er mit der Gewissheit des Todes konfrontiert wurde.

Es ist erstaunlich, wie viele unserer eigenen „Verwirrungen“, nutzlosen Argumente, Entschuldigungen (warum wir etwas nicht tun können, oder vermeiden können), oder pure Faulheit dahinschmelzen können, wenn wir uns selbst im unserem Grab vorstellen. Der Tod tilgt viele Argumente. Das Gedenken daran, kann das ebenfalls machen. Bevor es zu spät ist.
Er war wahrlich eine sehr weise Person, der jeden Tag seines Lebens so verbrachte, als ob es sein letzter wäre. Aber das sollte mit Sicherheit unser aller Ziel sein!

[Übersetzt aus dem Englischen]

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